Fürsorge oder Egoismus?

Eines der tiefsten Missverständnisse in unserer Gesellschaft, auf das ich immer und immer wieder stoße, ist die Vorstellung, dass wir, wenn wir gut auf uns selbst aufpassen und unser eigenes Wohlbefinden an allererste Stelle stellen dadurch zu unempathischen, selbstsüchtigen Arschlöchern werden, die andere Menschen nur noch ausnutzen.

Und es scheint irgendwie auch logisch zu sein, denn wenn ich mich um mich selbst kümmere, wer kümmert sich dann um die anderen?

Der Fehler in der Rechnung ist aber, dass Fürsorge keine feste Einheit ist, von der man sounsoviel zur Verfügung hat und dann ist sie eben weg. Fürsorge ist ein nachwachsender Rohstoff, der aber eine gewisse Umgebung braucht, um wachsen und gedeihen zu können. Und diese Umgebung ist dann da, wenn du bei dir sicher bist und dich hundertprozentig auf dich verlassen kannst.

Ich weiß, es ist extrem schwer zu glauben, wenn man sich so viele Jahre lang nur darüber definiert hat, was die anderen wollen und sagen und dass man ihnen auf gar keinen Fall auf die Füße treten darf. Ich habe es selbst auch erst geglaubt, als ich es am eigenen Leib erfahren habe. Ich empfinde heute eine viel tiefere und unschuldigere Fürsorge um andere Menschen als früher aus dem gestressten ‘ich muss doch ein guter Mensch sein-Modus’ heraus. Und ich kann häufig viel präziser helfen, weil ich nicht mehr so sehr von meinen Ansprüchen und denen der anderen geblendet werde.

Das, was wir heute in unserer Gesellschaft als ‘sich kümmern’ bezeichnen, ist in den allermeisten Fällen nur ein fauler Kompromiss, ein Handel:
Ich helfe dir oder ich sorge mich um dich und im Gegenzug kann ich von mir behaupten, dass ich ein guter Mensch bin. Manchmal gehen wir sogar so weit, eine konkrete Gegenleistung in Form einer höchstdemütigen Dankesansprache zu erwarten und werden ungemütlich, wenn diese nicht genau so erfolgt, wie wir sie vorab erwartet haben. Ist es da ein Wunder, dass es uns so schwer fällt, uns helfen zu lassen?

Ich habe irgendwann bei mir bemerkt, dass das Problem nicht so sehr das sich helfen lassen an sich war, sondern der gefürchtete Rattenschwanz, der häufig an der Hilfe dran hing und vorher schwer abzusehen war.

Es ist so schade, dass unser wirkliches authentisches Bedürfnis, uns gegenseitig helfen zu wollen damit oft so verfälscht wird. Es hinterlässt für beide Seiten einen faden Beigeschmack: Der eine fühlt sich nicht so gewürdigt, wie er es gerne hätte, der andere kann die Hilfe oder Aufmerksamkeit nicht so richtig-richtig annehmen, weil er es so gewohnt ist, nach dem Haken an der Sache zu suchen.

Und der Weg aus diesem Dilemma? Sicher nicht über Nacht zu schaffen und ganz bestimmt nicht, indem wir uns Vorwürfe machen, dass wir so agieren. Wir haben es so gelernt und selbst indem wir so sehr nach Anerkennung streben, versuchen wir nur, das Richtige zu tun.

Wir könnten uns nicht selbst dafür beschuldigen, dass wir es nicht besser wussten. Ehrlicher miteinander sein und sowohl nein sagen als auch ein Nein des anderen akzeptieren. Einen authentischen Ausdruck über einem sich gegenseitig Gefallenwollen schätzen.

Vielleicht ist das für den Anfang schon genug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere